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Leben will gelernt sein

Beitrag zur Blogparade "FAIR statt fies"


Hunde durchlaufen, wie auch wir, verschiedene Entwicklungsphasen im Leben. Berücksichtigen wir diese und wissen, was im Hund in dieser Zeit vorgeht, können wir auch besser eingeschätzten, was für unseren vierbeinigen Begleiter wichtig ist, was wir ihm „zutrauen“ und beibringen können. Gerade in der Junghundezeit können wir eine gesunde Entwicklung bei unserem vierbeinigen Begleiter fördern und ihn beim Ausbilden von Lebenskompetenzen unterstützen, die für ein entspanntes Zusammenleben wichtig sind.

 

Fremdelphasen

Die Entwicklung vom Welpen bis zum erwachsenen Hund geht mit vier bis fünf Fremdelphasen einher. In diesen Zeiträumen sollten für den Hund unbekannte Situationen vermieden werden, da er schreckhaft oder ängstlich reagieren kann – auch auf bereits bekannte Umweltreize.

  • ca. 8. Lebenswoche
  • ca. 4 ½. – 5. Lebensmonat (Welpe wird zum Junghund)
  • ca. 9.-10. Lebensmonat (hormonelle Veränderung)
  • ca. 13.-14. Lebensmonat
  • ca. 17.-18. Lebensmonat (nicht bei allen Hunden)

 

Die Welpenzeit

Die ersten Lebensmonate eines Hundes haben einen entscheidenden Einfluss auf sein weiteres Leben. Zahlreiche Nervenverbindungen entstehen im Gehirn eines Welpen und in nur wenigen Monaten ist der Großteil des Gehirnwachstums abgeschlossen. Der Einfluss der Umwelt ist in dieser Zeit von großer Bedeutung für die Entwicklung sozialer Bindungen und für die Ausbildung von Bindungen an die Umwelt.

 

Die Entwicklung sozialer Bindungen

Es liegt in der Natur eines Welpen, uns sprichwörtlich auf Schritt und Tritt „zu verfolgen“. Dieses Verhalten dient dem Schutz des Tieres, da es ja noch nicht viel über die Gefahren des Lebens weiß. Dieses Bedürfnis nach Nähe gilt es zu berücksichtigen. Denn um ausgeglichen sein zu können, brauchen Welpen 20 bis 22 Stunden Ruhe und Schlaf am Tag und  ohne unsere Unterstützung kommen sie nur selten zur Ruhe. Auch bei der frühen Gewöhnung an das Alleinbleiben arbeiten wir gegen die Natur. Ein sorgfältiger Aufbau ist besonders wichtig, damit kein Trennungsstress beim Hund entsteht.


Eine vertrauensvolle Beziehung wird durch einen liebevollen und fürsorglichen Umgang mit dem Hund im Alltag, beim gemeinsamen Ruhen, dem Erlernen der Stubenreinheit, dem Kennenlernen von Bekannten und vierbeinigen Mitbewohnern erreicht. Niemals sollten Welpen weggesperrt oder streng gemaßregelt werden. Ein gut strukturierter und gleichbleibender Tagesablauf hilft dem jungen Hund, sich in unserem Alltag zurechtzufinden. Durch Management-Maßnahmen wie das Wegräumen liebgewonnener Schuhe oder das zur Verfügungstellen von geeigneten Kauartikeln können viele Konflikte vermieden werden.


Beispiel: Mäxchen hat ein großes Kaubedürfnis und zerstört herumliegende Schuhe. Sorgen Sie dafür, dass Mäxchen ausreichend Kauspielzeug hat und verräumen Sie die Schuhe an einem für den Hund unerreichbaren Ort.

 

Die Ausbildung von Bindungen an die Umwelt

Indem wir Welpen mit Reizen vertraut machen, die in ihrem späteren Leben eine Rolle spielen werden, leisten wir einen wesentlichen Beitrag dafür, dass sie sich in unserer Umwelt gut zurechtfinden. Der junge Hund sollte Geräusche, Tiere anderer Art sowie verschiedene Umgebungen und Situationen kennenlernen.


Beispiel: Wächst Mäxchen in einer reizarmen Umgebung wie beispielsweise einer Steppe auf, passt sich sein Gehirn diesen Umgebungsbedingungen an. Für den erwachsenen Max wird es später sehr schwierig sein, sich in unserem Lebensraum anzupassen.

Eine gute Sozialisierung zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass der Hund zunehmend Vertrauen in die Sozialpartner und seine eigenen Fähigkeiten entwickelt sowie die neuen Erfahrungen positiv bewertet und sich NICHT überfordert fühlt. Um dies zu erreichen, sollten die Bedürfnisse des Welpen in unserem Lebensumfeld berücksichtigt werden und auf Anzeichen von Überforderung eingegangen werden. 

 

Anzeichen von Überforderung sind:

  • weit aufgerissene Augen
  • in die Leine beißen
  • Welpen- bzw. Stressgesicht (Lefzen sind zurückgezogen, Stirn ist faltenfrei)
  • schnelle kurze Atemzüge
  • speicheln
  • Schuppenbildung im Fell (schlagartig)
  • häufiges Urinieren oder totaler Stop
  • Durchfall/Verstopfung
  • Ruhelosigkeit
  • Aufreiten
  • bellen, heulen, winseln
  • exzessives trinken
  • hypersensibles Wahrnehmen: sehen, hören, riechen, berühren

 

Was versetzt Hunde in Stress?

  • Hunger / Durst
  • sich einsam fühlen
  • Krankheit / Schmerz
  • Müdigkeit
  • Gewalt
  • zu viel Kontrolle
  • Angst
  • Hektik
  • Lärm
  • Unberechenbarkeit der Haltenden
  • Boxenhaltung, auch nur zur Nachtruhe
  • zu viel Training
  • Entzug von körperlicher Nähe / „erzwungene“ körperliche Nähe
  • unangemessen viel oder grobes Spiel mit Artgenossen
  • Ballspiele, Objektorientierung

 

Beispiel: Mäxchen begleitet seine Familie zu Freunden. Dort erkundet er das Haus. Wird der Besuch gut gestaltet und dauert nicht zu lange ist er mentale Stimulation. Wird der Besuch hingegen schlecht gestaltet und dauert zu lange ist er Überforderung.

Der Hund sollte auch im weiteren Entwicklungsverlauf die Möglichkeit bekommen wiederholt Erfahrungen mit verschiedenen Reizen zu machen.

 

Die Pubertät

Im Alter von fünf bis sechs Monaten, bei einigen Rassen auch später, nimmt die Aktivität der jungen Hunde zu. Der nächste Entwicklungsschritt ist deutlich erkennbar, wenn die jungen Tiere vor allem eines wollen: Hundefreunde treffen. Wirft sich ein Jungspund vor lauter Freude beim Anblick eines Artgenossen in die Leine ist das zwar unangenehm, bedeutet aber gleichzeitig, dass das Tier sich gesund entwickelt. Jetzt beginnt eine spannende Zeit, in der wir dem heranwachsenden Hund ermöglichen sollten, wichtige Lebenskompetenzen zu erlernen: den Umgang mit Artgenossen sowie die Erweiterung des Verhaltensrepertoires zur Ausbildung von Flexibilität und Konfliktlösungsstrategien.


In dieser Zeit ist es wichtig, angemessene Begegnungen und ausgeglichenes Spiel unter Hunden zu ermöglichen. Denn in unserem Lebensumfeld treffen wir auf Hunde verschiedener Größen und Rassen, mit anderem Aussehen und den verschiedensten Vorlieben. Windhunde lieben Rennspiele, Rhodesian Ridgebacks spielen sehr körperintensiv, einige Hütehunde „zwicken“ im Spiel auch gerne mal, andere Hunde wiederum sind sehr körpersensibel. Es gilt, Begegnungen so zu gestalten, dass sie für beide Seiten bereichernd sind!

 

Spielen heißt Lernen!

Hunde können bei Begegnungen und im Spiel, aufeinander Rücksicht nehmen und sich einander anpassen. Bei Begegnungen mit Hunden und im Sozialspiel, lernen sie den Hunde-Knigge verstehen und einzuhalten, verfeinern ihre Sprache und entwickeln die Fähigkeit selbstverantwortlich zu handeln.

Für ein ausgeglichenes Spiel unter Artgenossen braucht es Spielpartner auf „Augenhöhe“ oder einen Hund, der sich schon gut auf den anderen einstellen kann. Passt die Zusammenstellung nicht, sollten wir eingreifen, um unseren Hund zu schützen oder um dem Entstehen von „fiesen“ Verhaltensweisen im Umgang mit „Schwächeren“ entgegenwirken.

Beispiel: Der Malteser Max begegnet einem jungen Labrador Retriever, der sich noch nicht gut beherrschen kann – kein Spielpartner auf „Augenhöhe“! Eine nicht böse gemeinte aber grobe Berührung kann dazu führen, dass sich Max in Zukunft große Hunde lauthals vom Leib halten möchte. Wird der Labrador Retriever mit der Leine gesichert und klein Max ausreichend Zeit gegeben, um frei zu entscheiden ob er hin möchte oder nicht, kann eine Begegnung für beide Seiten bereichernd sein.

 

Bei einem gelungenen Sozialspiel:

  • gibt es viele Pausen
  • werden die Rollen getauscht
  • spielen die Hunde „des Spieles wegen“
  • sind die Bewegungen „rund“
  • zeigen die Spielenden wenig Körperspannung und entspannte Gesichtszüge
  • ist das Kräfteverhältnis ausgewogen oder die Tiere können sich gut aufeinander einstellen

 

Voraussetzungen, damit der Umgang mit Hunden entspannt bleibt:

  • ältere, erfahrende Hunde mit guten sozialen Kompetenzen treffen
  • auf kurze Spielsequenzen achten
  • Ruhe- und Entspannungsübungen in Anwesenheit von Hunden praktizieren
  • gemeinsames Erkunden und ruhige Beschäftigungsformen fördern
  • Pausen machen, bevor das Spiel zu wild wird
  • Überforderung vermeiden

 

Hansdampf in allen Gassen

Mit dem Eintreten der Geschlechtsreife werden Hunde unabhängiger. Das ist ein natürlicher Prozess, der zum Erwachsenwerden dazugehört. Konkurrenzverhalten, Sexualität, Aggressions- und Jagdverhalten kommt zum Vorschein. In dieser Lebensphase verändert sich die Rezeptordichte und -empfindlichkeit für das Hormon Dopamin in verschiedenen Gehirnarealen. Das bewirkt, dass sich Hunde weiter von uns entfernen, um Erkundungen anzustellen. Zudem werden Situationen, Objekte und bereits gut erlernte „Kommandos“ vom Hund neu bewertet, was dazu führt, dass die Tiere anders reagieren als zuvor. Der Stresshormonspiegel ist empfindlicher und die Reaktionen des Hundes – auch auf bereits bekannte Reize – werden intensiver, Trennungsstress kann auf einmal wieder zur Herausforderung werden. Jetzt heißt es Geduld haben: Das Gehirn des Tieres befindet sich im Umbau.

 

Wachstum braucht Zeit!

Für Hundehaltende ist diese Phase oft besonders schwierig. Der Hund hat sich „bis dato“ gut entwickelt und vieles bereits gelernt: an lockerer Leine zu laufen, im Freilauf in der Nähe zu bleiben, heranzukommen, wenn er gerufen wird. Keinesfalls sollen diese Veränderungen durch Aussagen wie: „Der testet seine Grenzen“ erklärt werden, was dazu beitragen würde, den Druck auf den Hund zu erhöhen. Es ist sehr schade, dass viele Hundehaltende in dieser Zeit das Vertrauen in den eigenen Hund verlieren und auch das Vertrauen des Hundes in seine Menschen geschwächt wird, zum Beispiel durch strenges Maßregeln. Schadensbegrenzung zu betreiben ist der klügere Weg. Aufkommende Frustration kann durch die Anpassung der eigenen Erwartungen sowie der Gestaltung von befriedigenden und gut zu bewältigenden Aufgaben und Beschäftigungen für den Hund begrenzt werden.

 

Wie Sie dazu beitragen können, diese "schwierige" Phase zu meistern:

  • Unterstützen Sie Ihren Hund in schwierigen Lern-, Lebens- und Alltagssituationen
  • Passen Sie Ihre Erwartungen an
  • Gehen Sie im Training einen paar Schritte zurück
  • Lassen Sie Sozialkontakte mit ausgewählten Artgenossen zu
  • Schützen Sie Ihren Hund und die Umwelt, indem Sie keine Risiken eingehen
  • Gestalten Sie Übungen und Beschäftigungen so, dass sie von Ihrem Hund einfach zu bewältigen sind
  • Schränken Sie Ihren Hund nicht unnötig ein

 

:-) HALLO ALTER FREUND!

Max ist nun zwischen einem und vier Jahren jung – je nachdem, welcher Rasse er angehört. Es hat bis jetzt gedauert, dass sein Gehirn ausgreift ist und fertig wird es zum Glück nie.


Erwachsene Hunde können sich gut konzentrieren und sind entspannter – sie lernen nun „besser den je“.


Leider werden Hunde „von heute auf morgen“ alt. Einen Senior zu begleiten hat jeden Tag ein bisschen was von Abschied nehmen und Dankbarkeit. Senioren mental und körperlich fit zu halten und am sozialen Leben teilhaben zu lassen ist wichtig. Senioren sind nicht gerne allein. Ihre Sinne werden allmählich schwächer und sie werden im Alltag zunehmend unsicherer und sind auf unsere Unterstützung angewiesen. Häufig erhöhen ein paar Umbaumaßnahmen die Lebensqualität: rutschfeste Unterlagen geben dem Hund mehr Sicherheit im Haus, Rampen helfen rauf- und runter zu kommen sowie den Bewegungsapart zu schonen. Lange Spaziergänge gibt es keine mehr, dafür häufiger Ausflüge mit dem Auto an vertraute und neue Orte, die zu Fuß für den Hund nicht mehr erreichbar sind.

Einen Hund zu begleiten bedeutet, die Verantwortung für einen Freund bis zum Schluss zu übernehmen. Vermeiden wir strafbasiertes Training und einen Umgang mit dem Hund der auf Unterordnung abzielt, lernen wir vieles über die Bedeutung von Vertrauen sowie über die Natur von Hunden und damit, die umfassenden sozialen Fähigkeiten unserer vierbeinigen Begleiter zu schätzen.


Alle Artikel der Blogparade "FAIR statt fies" gibt´s hier! Wir wünschen viel Freude beim Lesen!


 

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